Warkotsch war Schneider und Zopf Organist
Wie es der Zufall so oft wollte, lebten beide Familien in einem Hause, ihre Wohnungen lagen im selben Stockwerk, die
Eingangstüren waren gegenüber. Das Haus, indem sie wohnten, war die ehemalige alte Rydultauer Schule und stand unmittelbar neben der
Pfarrkirche. Beide Männer, der Schneider Warkotsch und der Organist Zopf, hatten die selbe Statur, sie waren hager, mittelgroß,
feingliedrig, das Gesicht schmal, Haarfarbe und Frisur nicht viel voneinander abweichend Beide gingen meistens schwarz oder dunkelgrau
gekleidet und Schnitt und Form der Anzüge waren meistens gleich. Beide hatten einen leichten Gang, im Getue und Gehabe waren sie sich auch
ähnlich, man hätte sie gut für Brüder halten können. Nur in einem machten sie einen Unterschied, in ihrer Gesinnung und in ihrer
Muttersprache, Warkotsch sollte eigentlich Zopf heißen und Zopf sollte Warkotsch heißen. Obwohl beide Worte dasselbe bedeuten, so waren
ihre Namensträger verschieden, denn Warkotsch liebte mehr das Deutsche und Zopf war mehr für das Polnische eingenommen. Beide waren brave
und geachtete Bürger, beide mußten mit dem Groschen rechnen, denn Warkotsch verdiente als Schneider ebenfalls so wenig wie Zopf als
Organist. Viele Jahre lang habe ich beide Familien beobachten können, denn Schneidermeister Warkotsch war ein guter Meister seines Faches
und hatte drei schöne Töchter, nach welchen sich so mancher junge Rydultauer die Augen auskugelte und den Hals verdrehte. Organist Zopf
dagegen konnte man jeden Sonntag in der Kirche beim Orgelspielen sehen und außerdem kam er jedes Jahr als Organist während der Kollende
mit dem Pfarrer in unser Haus. Seine Aufgabe war es am Rahmen über der Eingangstür die drei großen Buchstaben K + M + B und dazu die
Jahreszahl mit weißer Kreide aufzuschreiben. Bei dieser Gelegenheit nahm er auch gern ein Trinkgeld, ähnlich wie der Pfarrer und die
Ministranten es taten, in Empfang. Der schmale Geldbeutel vom Organist Zopf wurde durch diese Kollendegabe jedes Jahr wieder aufgefüllt.
Seitdem ich in die Welt zog, um zu studieren und Soldat zu sein, sind mir leider diese beiden Familien entschwunden und ich konnte das
Schicksal dieser Familien nicht weiter verfolgen.
In Oberschlesien besagte der Familienname nichts über die Gesinnung ihrer Träger. So waren in meiner Heimatgemeinde
Rydultau viele Familien mit deutschen Namen, wie z. B. Herzog, Handschuh, Heisig, Seemann usw. mehr der polnischen Sache zugetan. Wir hatten
aber auch viele Familien mit polnischen Namen wie Wodecki, Bekowski, Hiltawski, Jendralski usw., welche rein deutsche Familien waren. Der größte
Teil der Oberschlesier war Träger von oberschlesisch-mährischen Familiennamen wie z. B. Taschka, Skamel, Klimek, Liduch
usw. So wie in meiner Heimatgemeinde Rydultau, so war es auch in allen anderen Ortschaften unserer oberschlesischen Heimat.
Oberschlesien ist ein Grenzland, welches sehr reich an Bodenschätzen und Industrie ist. Infolgedessen war es seit über
hundert Jahren ein starker Anziehungspunkt für viele arbeitssuchende Menschen aus den angrenzenden Ländern, so wie es heute z. B, die
Bundesrepublik Deutschland für viele Arbeiter aus ganz Europa und Nordafrika ist, Ein großer Teil der nach Oberschlesien zugewanderten
Menschen, so wie es auch mein Vater tat, welcher aus Mähren kam, sind dort heimisch geworden. Diesem Umstand ist es zu verdanken, daß in
Oberschle sien die Familiennamen einen slawischen, deutschen und auch vereinzelt romanischen Klang haben.

In den meisten Familien entscheidet die Sprache der Mutter über die Umgangssprache in der Familie, denn die Mutter erzieht
das Kind und es lernt bei der Mutter die ersten Worte. Somit gab die Mutter meistens den Ausschlag für die Gesinnung der ganzen Familie.
Wenn deutsche Männer eine polnisch gesinnte Frau heirateten, so waren die Kinder auch oft der selben Gesinnung, obwohl sie einen deutschen
Namen trugen. Ähnliche Verhältnisse sind auch in Polen, in der Tschechoslowakei oder in anderen slawischen Ländern anzutreffen, wo Männer
mit deutschem Familiennamen große slawische Patrioten, Professoren, Gelehrte, Fabrikbesitzer usw. waren.
Unsere oberschlesische Heimat ist infolge ihrer geographischen Lage und der vielen Reichtümer, die sie besitzt, ein guter
Boden für die Verschmelzung verschiedener Volksstämme gewesen, wie es am Beispiel vom Schneider Warkotsch und Organist Zopf sich zeigte.
Leopold Walla
Aus dem Buch "So lebten wir in Oberschlesien"
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